Suche

Autohersteller aus Afrika

Afrika ist nicht gerade für die Herkunft von Autoherstellern bekannt. In jüngster Zeit hat sich jedoch eine junge Autoindustrie entwickelt. Das Ziel der lokalen Automobilhersteller ist es, afrikanische Produkte für den afrikanischen Markt herzustellen. Die Politik unterstützt diese Vorhaben stark. Sie helfen dabei, Wertschöpfung nach Afrika zu verlagern. In diesem Beitrag stellen wir Ihnen vier afrikanische Autohersteller vor, die man kennen muss.

Der afrikanische Automarkt ist vergleichsweise klein. Nach den Angaben von Deloitte besitzen nur 44 von 1.000 Afrikanern ein Auto. Der weltweite Durchschnitt liegt bei 180 von 1.000 Menschen. Im Jahr 2015 wurden etwa 1,55 Millionen Neuwagen in Afrika verkauft. Nach dem Verkaufstrend kann diese Zahl innerhalb der nächsten 15 Jahre auf bis zu 10 Millionen Neuwagen steigen.

Auf dem afrikanischen Kontinent gibt es ein relativ geringes verfügbares Einkommen und die Kosten für Neufahrzeuge sind hoch. Daher dominieren Gebrauchtwagen den Markt, so Deloitte weiter. Es wird geschätzt, dass etwa 80 % der Autos in Afrika Gebrauchtwagen sind. Diese werden in der Regel importiert. Die meisten Autos stammen aus den USA, gefolgt von Europa und Japan.

Ägypten, Algerien, Marokko und Südafrika verfügen bereits über einen nennenswerten Automobilsektor. Beispielsweise fertigt VW in Südafrika das Modell Polo und in Ruanda gibt es auch eine Fertigung. Die in Afrika gefertigten Autos machen jedoch lediglich 0,9 % der weltweiten Produktion aus, so Deloitte. Durch die weitere Entwicklung des afrikanischen Automobilsektors können sich erheblich positive Effekte für die Industrialisierung des Kontinents ergeben. Die afrikanische Politik gibt der Entwicklung der Automobilindustrie daher eine hohe Priorität.

deloitte africa automotive insights 2018 mlc properties
Deloitte Africa Automotive Insights, 2018

Der afrikanische Automarkt bietet die Gelegenheit, etwas Neues zu schaffen.

Joel Jackson, Gründer von Mobius Motors

Mobius aus Kenia – Autohersteller mit Potenzial

Mobius Motos Ltd. ist ein ostafrikanischer Automobilhersteller mit Sitz in der kenianischen Stadt Nairobi.

DAS PROBLEM LÖSEN

Gegründet wurde Mobius im Jahr 2010 von dem Briten Joel Jackson. Während seiner Tätigkeit für das kenianisches Forstunternehmen Komaza ist er auf ein grundlegendes Problem aufmerksam geworden. Gebrauchtwagen aus Asien überschwemmen den kenianischen Automarkt. Die importierten Autos sind nicht nur teuer. Sie kommen auch nicht gut mit den eher rauen kenianischen Straßenverhältnissen zurecht.

Dieses Problem wollte Jackson lösen, indem er ein den lokalen Bedürfnissen entsprechendes Auto anfertigt – zu wettbewerbsfähigen Preisen. Das Konzept beruht auf einem möglichst einfach konstruierten Auto mit wenigen Extras. Dadurch werden die Kosten gering gehalten.

Mobius kooperiert nach Möglichkeit wird mit lokalen Zulieferern, um die Lieferketten zu optimieren. Das ist herausfordernd, weil es nur eine geringe Anzahl an Unternehmen gibt, die die erforderliche Qualität liefern können.

Konzentration auf ein einfaches Grundmodell

Nach der Gründung hat Mobius Motors im Jahr 2011 einen Prototyp hergestellt, den Mobius I. Diverse Investoren sind an Bord gekommen. Im Jahr 2014 wurde ein weiterer Prototyp hergestellt, der erste Mobius II, ein 1,6-Liter-Benziner mit 86 PS. Geringe Benzinkosten sind ein wichtiges Kaufargument für den durchschnittlichen afrikanischen Autokäufer. Die Stückzahl des Mobius II betrug 50.

Derzeit nimmt das Unternehmen Vorbestellungen für die Neuauflage des Mobius II entgegen. Die Produktion soll noch 2020 starten. Der Preis ist für viele Kenianer erschwinglich. Das Einstiegsmodell soll 1.300.000 kenianische Schilling (KES) kosten. Das entspricht etwa 10.100 Euro. Das neue Modell wird in drei Ausstattungsvarianten verfügbar sein.

Mobius Motors hat angekündigt, den Nutzwert des Mobius II durch ein erweiterbares Fahrgestell zu diversifizieren. Es möchte durch verschiedene Aufbauten Einsatzmöglichkeiten für den Waren- und Personentransport sowie als Krankenwagen schaffen. Geplant sind auch Hybrid- und Elektrovarianten. Anfang 2020 hat der Autohersteller wegen COVID-19 Beatmungsgeräte hergestellt.

„Made in Kenya“ als Verkaufsargument

Im Vertrieb setzt Mobius auch auf den Nationalstolz der Kenianer. Die kenianische Bevölkerung ist von dem Wagen „Made in Kenya“ begeistert. Der deutsche Vertriebschef Markus Schröder berichtete über die Begeisterung der Kenianer, wenn er auf der Straße mit einem der Prototypen gesehen wird. Die Leute fragen ihn begeistert: „Oh, made in Kenya? I like your car.“

Der Name und das Logo von Mobius sind dem sog. Möbiusband nachempfunden. Dies ist eine unendliche Schleife, die vom deutschen Mathematiker Möbius im 19. Jahrhundert näher untersucht und beschrieben wurde. Bei Mobius Motors beschreibt es Robustheit, Haltbarkeit und Langlebigkeit. Diese Eigenschaften sollen auch auf die Fahrzeuge zutreffen.

Die Ausrichtung von Mobius auf Kenia als Hauptzielmarkt scheint gut gewählt. Aufgrund einer gut ausgebildeten Mittelklasse, einem progressivem Geschäftsumfeld und gutem regionalem Marktzugang sieht Deloitte Kenia gut positioniert. Das Land könnte sich zu einem ostafrikanischen Automobilzentrum entwickeln.

Staatliche Unterstützung

Die kenianische Regierung unterstützt Mobius tatkräftig. Ab 2021 dürfen keine Gebrauchtwagen mehr nach Kenia importiert werden, die älter als drei Jahre sind, so Reuters. Zusätzlich sollen lokale Autohersteller vollständig von Einfuhrzöllen und Verbrauchssteuern befreit und ihr Körperschaftsteuersatz auf die Hälfte reduziert werden. Diese Maßnahmen reihen sich in die Strategie „Buy Kenya, Build Kenya“ der Regierung ein.

design neuer mobius II autos aus afrika mlc properties
Design des neuen Mobius II, © Mobius Motors Ltd.
mobius II prototyp 2014 auto aus kenia mlc properties
Bau des Mobius-II-Prototyps von 2014, © Mobius Motors Ltd.

Kiira aus Uganda – Staatlich initiierte Autoindustrie

Kiira Motors Co. Ltd. ist ein 2014 im ostafrikanischen Uganda gegründetes Unternehmen mit Sitz in der Hauptstadt Kampala. Das Unternehmen befindet sich zu 96 % in Staatsbesitz und zu 4 % im Besitz der Makerere Universität von Kampala.

AUS STUDENTISCHEM DESIGNPROJEKT HERVORGEGANGEN

Die Ursprünge des Unternehmens gehen auf ein Designprojekt von Studenten der Makerere Universität zurück. Dieses mündete im Jahr 2011 in der Entwicklung des ersten Prototyps, dem Kiira EV, einem kleinen, kostenoptimierten Elektroauto mit zwei Sitzen. Eine Regierungsinitiative führte dann im Jahr 2014 zur Gründung von Kiira Motors Co. Ltd. Weitere Prototypen waren der Kiira EV SMACK, das erste in Afrika entworfene und gebaute Hybridauto. Zusätzlich folgte ein Prototyp des Elektrobusses Kayoola Solar Bus.

Moderne Produktionsstätte

Kiira hat mit dem Bau einer modernen Produktionsstätte im Bezirk Jinja nahe der ugandischen Hauptstadt Kampala begonnen. In dem Werk soll zunächst schwerpunktmäßig der Elektrobus Kayoola EVS gefertigt werden. Die Kapazität wird anfänglich mit 5.000 Fahrzeugen pro Jahr angegeben.

Kiira kooperiert hier mit dem chinesischen Erstausrüster (Original Equipment Manufacturer, OEM) CHTC Motor Co. Ltd., der sich in chinesischem Staatsbesitz befindet. Das Unternehmen betreibt bereits mehrere Fabriken. Das Werk von Kiira steht zudem weiteren Automobilkonzernen für die Produktion zur Verfügung; Gespräche mit dem indischen Autokonzern Tata wurden geführt.

Fokus auf Eigene Innovation und lokale Zulieferer

Kiira betont, dass in dem neuen Werk nicht nur importierte Fahrzeugteile zusammengesetzt werden sollen. Dem Unternehmen geht es auch um einen Wissenstransfer und es arbeitet weiterhin an der Entwicklung eigener Fahrzeuge. Zudem möchte Kiiras CEO Paul Isaac Musasizi die Kooperation mit lokalen Zulieferern kontinuierlich ausbauen. Beispielsweise komme der lokale Bezug von Batterien, Filtern, Sitzen, Lackierungen, Karosserieteilen und dem Marketing in Betracht. Zudem sollen Stahl, Lithium und Kupfer aus Uganda sowie Bananenfaser-Sitze verarbeitet werden.

Das Flaggschiff von Kiira ist der Kiira EVS (the „beast“), der bisher nur als Prototyp existiert. Es handelt sich um ein Hybridfahrzeug im oberen Preissegment für 25.000 bis 35.000 USD pro Stück. Die Produktion erfolgt nicht in Serie, sondern auf Auftragsbasis.

Staatliche Unterstützung

Die ugandische Regierung hat Kiira eine Finanzierung von 40 Mio. USD zugesichert. Sie unterstützt das ugandische Automobilprojekt auch auf anderer Ebene: So hat sie einen Importstopp für Gebrauchtwagen beschlossen, die älter als 15 Jahre sind.

kiira evs prototyp uganda auto mlc properties
Kiira EVS Prototyp, © Kiira Motors Co. Ltd.
neue produktionsstaette von kiira uganda auto afrika mlc properties
Design der neuen Kiira-Produktionsstätte, © Kiira Motors Co. Ltd.

Innoson aus Nigeria – Nur Schall und Rauch?

Innoson Vehicle Manufacturing Co. Ltd., kurz: IVM, ist ein Unternehmen aus Nigeria. Der Geschäftssitz ist in der 400.000-Einwohner-Stadt Nnewi.

BREITE PRODUKTPALETTE

Auf seiner Internetseite wirbt Innoson damit, langlebige und erschwingliche Autos für Afrika herzustellen. Die Autos würden zu den Preisen für importierte Gebrauchtwagen (lokal: tokunbo) verkauft und seien qualitativ mit so gut wie jedem ausländischen Auto vergleichbar. Das Unternehmen knüpft auch an den nigerianischen Nationalstolz an: „we are the 1st Made-in-Africa automobile brand“.

Die angebotene Produktpalette ist für einen afrikanischen, relativ jungen Automobilhersteller erstaunlich breit. So werden Kleinwagen, Vans, Limousinen, Pickups, SUVs, Busse und Kleinbusse angeboten. Die breite Produktpalette und der bloß optische Eindruck lassen ein hohes Knowhow erkennen. Dies legt wiederum die Vermutung nahe, dass hinter Innoson ein Autohersteller mit langjähriger Erfahrung steht.

Umstrittene Selbstdarstellung

Die Tätigkeit von Innoson ist nicht unumstritten. Dem Unternehmen wird u. a. vorgeworfen, lediglich Modelle chinesischer Autohersteller, wie dem BJ80 der BAIC Gruppe, unter eigenem Markennamen zu verkaufen. Von einem „Made in Nigeria“ könne da kaum die Rede sein. Zudem könne das Ziel, aus dem Ausland importierte Gebrauchtwagen aus dem nigerianischen Markt zu verdrängen, kaum erreicht werden, wenn die Preise denjenigen importierter Neuwagen ähnelten. Das günstigste Modell, der Fox, startet bei einem Preis von 19.000 USD. Das ist für den durchschnittlichen Nigerianer kaum erschwinglich.

Die Wirklichkeit scheint somit nicht dem Bild zu entsprechen, das Innoson in der Öffentlichkeit vermitteln möchte. Aber selbst wenn das Unternehmen importierte Autos teilweise lediglich weiterverkauft bzw. nur in einem gewissen Umfang eine Endmontage in Nigeria erfolgt, so schafft dies dennoch Arbeitsplätze und Knowhow und ist gut für die weitere wirtschaftliche Entwicklung Nigerias.

Staatliche Unterstützung

Die nigerianische Regierung unterstützt jedenfalls Innosons Ambitionen, sich zu einem lokalen Autohersteller zu entwickeln. So wurde u. a. von zahlreichen Regierungsaufträgen berichtet. Die Regierung verteuert zudem Importe ausländischer Autos durch Zölle künstlich.

innoson auto nigeria afrika ivm g80 mlc properties
Der IVM G80, © Innoson Vehicle Manufacturing Co. Ltd.
innoson ivm carrier 4wd autos afrika mlc properties
Als Polizeiwagen umgebauter IVM Carrier 4WD

Kantanka aus Ghana – Endmontage chinesischer Teile

Kantanka Automobile Co. Ltd. ist bereits im Jahr 1998 gegründetes Automobilunternehmen mit Geschäftssitz in Accra, der Hauptstadt von Ghana.

Das Konzept von Kantanka ist vergleichbar mit demjenigen von Innoson aus Nigeria (siehe oben). Das Unternehmen bezieht vorgefertigte Teile aus China. Die Endmontage erfolgt dann in der lokalen Produktionsstätte. Die Produktpalette umfasst SUVs und Pickups. Zudem bereichert neuerdings das Elektroauto Kantanka Amoanimah EV die Auswahl für Kunden. Eigene Ingenieursleistung oder die Nutzung lokal gefertigter Bauteile scheinen keine Rolle zu spielen.

Kantanka wird für die ambitionierte technische Ausstattung ihrer Autos kritisiert. Dies mache die Fahrzeuge nur für einen sehr kleinen Teil der ghanaischen Bevölkerung erschwinglich. Beispielsweise gibt es Modelle mit Sprachsteuerung. Zudem wurde ein teilgepanzertes High-End-SUV vorgestellt. Die Regierung Ghanas unterstützt Kantanka unter anderem mit Aufträgen.

kantanka auto ghana afrika mlc properties
Kantanka-Modell aus dem Jahr 2015

Fazit – Die eigene Innovationskraft entscheidet

Die Autoherstellung ist ein kompliziertes Geschäft. Es erfordert einen hohen Kapitaleinsatz, starkes Knowhow und die Kooperation mit einer Vielzahl von qualifizierten Zulieferunternehmen. Europäische, amerikanische und asiatische Unternehmen haben ihre Produktion über die letzten Jahrzehnte perfektioniert. In einem solchen Marktumfeld als neuer (afrikanischer) Wettbewerber Fuß zu fassen, scheint eine nahezu unmögliche Aufgabe zu sein.

ANSTRENGUNG UND MUT LOHNEN SICH

Dennoch die die Aufgabe lohnend: Wesentliche Schritte der Autoherstellung werden nach Afrika verlagert. Dies steigert nicht nur die Wirtschaftsleistung, sondern schafft auch Arbeitsplätze und Knowhow. Aufgrund der Kooperation mit Zulieferunternehmen wächst eine ganze Automobilindustrie heran. Es ist daher gut verständlich, dass viele afrikanische Staaten mit der Idee liebäugeln.

Mobius und Kiira vielversprechend

Die Strategie von Mobius Motors scheint erfolgsversprechend. Das Unternehmen konzentriert sich auf ein einziges Fahrzeugmodell und bemühen sich, dieses so kostengünstig wie möglich zu gestalten. Das Commitment für die lokale Produktion auch von Zulieferteilen in Kenia wird von den Menschen sehr positiv aufgenommen und lässt sie angesichts der geringeren Qualität ein Auge zudrücken.

Ein ähnlich vielversprechender Ansatz ist der von Kiira. Das ugandische Staatsunternehmen konzentriert sich stark auf die eigene Innovation und möchte für eigene Modelle möglichst viele Schritte der Wertschöpfung im eigenen Land haben. Dass der Elektrobus Kayoola EVS letztendlich lediglich aus importierten Teilen zusammengesetzt wird, scheint mehr Mittel zum Zweck. Aufgrund der Kooperation mit CHTC Motor erfolgt ein Wissens- und Technologietransfer, von dem Uganda mittelfristig profitieren wird.

Kein großer Wurf mit reiner Endmontage

Die Geschäftsmodelle von Innoson und Kantanka sind auf die bloße Endmontage importierter Konzepte und Teile ausgerichtet. Damit ist weder eine herausragende Ingenieursleistung verbunden noch wird nennenswerte Wertschöpfung in das eigene Land geholt. Ob Nigeria und Ghana auf diese Weise eine eigene Autoindustrie aufbauen können, ist fraglich.

showroom von mobius motors nairobi kenia mlc properties
Showroom von Mobius Motors in Nairobi, Kenia
kiira ev smack innenausstattung auto afrika mlc properties
Innenausstattung des Kiira EV SMACK von 2014
Vorheriger ArtikelInvestieren in Afrika – Fonds im Überblick Nächster ArtikelEuropa und Afrika stärken Partnerschaft